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Gassektor im Wandel

Von Stadtgas zu Erdgas, von der Liberalisierung des Gasmarktes hin zur Energiewende: Der Gassektor war und ist von systemrelevanten Veränderungen geprägt. Die Basis dafür ist die Weiterentwicklung des energiepolitischen Zieldreiecks, nach dem die Energieversorgung sicher, wirtschaftlich und umweltverträglich sein muss. Daran arbeiten die Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) täglich, rund um die Uhr.

Unser Energiesystem und damit auch der Gassektor befinden sich in ständigem Wandel. Zu Beginn der Gasversorgung, in den neuen Bundesländern noch bis Anfang der 90er Jahre, wurde Stadtgas transportiert, hergestellt meist auf Kohlebasis. Seit den 60er Jahren transportieren die Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) auch Erdgas, dass zunehmend das Stadtgas ersetzte. Es wurde zunächst aus den Niederlanden und ab Anfang der 1970er Jahre auch aus Russland und Norwegen importiert. Diese Importe decken heute den überwiegenden Teil des in Deutschland verbrauchten Erdgases. Aus heimischen Fördergebieten werden heute nur noch knapp sechs Prozent gewonnen. Dabei kommt die Gasimporte in sehr unterschiedlichen Qualitäten bzw. Beschaffenheiten, sogenanntem L- und H-Gas, über Leitungsnetze zu uns. Aber auch auf dem Seeweg gelangt zunehmend Erdgas nach Europa, allerdings in verflüssigter Form als LNG (Liquified Natural Gas). Die Erdgasimporte werden an sogenannten Grenzübergangspunkten (GÜP) in das deutsche Fernleitungsnetz eingespeist. Ab den Punkten sorgen dann die Fernleitungsnetzbetreiber für den Gas-Transport hin zu den Verteilernetzbetreibern (VNB), wie Stadtwerke oder anderen Energieversorgungsunternehmen sowie direkt zu großen industriellen Verbrauchern. Rund ein Prozent des Gasaufkommens ist zu Biomethan aufbereitetes Biogas, lokal eingespeist ins Fernleitungs- bzw. Verteilnetz von zahlreichen Biogasanlagen. Die VNB leiten das Gas schließlich durch ihr engmaschiges Transportsystem weiter zu den Endkunden. Die deutschen Fernleitungsnetze bilden mit einer Länge von ca. 40.000 km das Rückgrat des gesamten Gastransportsystems in Deutschland. Die durch das Fernleitungsnetz gespeisten Gasverteilernetze besitzen eine Länge von insgesamt mehr als 470.000 km. Die Gasnetze gewährleisten damit sowohl die Versorgung deutscher Verbraucher als auch den Transit in Nachbarländer.

Ab 1998 wurde der deutsche Gasmarkt stufenweise liberalisiert. Er umfasst heute eine Vielzahl von Akteuren, die als Produzenten, Netzbetreiber, Händler, Speicherbetreiber, Regulierungsbehörde oder Verbraucher auftreten. Er wird permanent nach Maßgabe des energiepolitischen Zieldreiecks - Wirtschaftlichkeit, Umwelt- und Klimafreundlichkeit sowie Versorgungssicherheit - weiterentwickelt und an die Herausforderungen der Energiewende angepasst. Aufgrund der geographischen Lage ist der deutsche Gasmarkt auch ein zentraler Handelspunkt und Deutschland ein wichtiges Transitland für den Gastransport innerhalb Europas.

Erdgas ist ein klimaschonender und nach Mineralöl der wichtigste Energieträger in Deutschland. Der Primärenergieverbrauch in der Bundesrepublik – das heißt die Energiemenge, die jährlich insgesamt genutzt wird – wurde 2018 laut Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) zu etwas weniger als einem Viertel (23,5 Prozent) durch Erdgas gedeckt. Dabei kommt Erdgas in ganz unterschiedlichen Bereichen bei den Verbrauchern zum Einsatz.

Eine weitere große Transformation hat gerade begonnen: Andere gasförmige Medien, wie erneuerbare und dekarbonisierte Gase, sei es Wasserstoff oder synthetisches Methan, nehmen an Bedeutung zu und werden einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele leisten. Gas wird in Zukunft vollständig klimaneutral werden.

Wettbewerb auf dem Gasmarkt

Die Liberalisierung des Gasmarktes begann bereits Ende der 90er Jahre mit der Abschaffung der ausschließlichen Wegerechte und Gebietsabsprachen. Angestoßen wurde zu jener Zeit auch die Entflechtung der integrierten Versorgungsunternehmen („Unbundling“), also die institutionelle Trennung von Erzeugung, Handel, Vertrieb und Netztransport. Das Unbundling gilt als zentrale Voraussetzung für die Liberalisierung des Marktes. In einer ersten Stufe gab es nur eine buchhalterische und informatorische Trennungspflicht. In einem zweiten Schritt wurde 2005 in Deutschland das rechtliche und organisatorische Unbundling durchgeführt. Eine nochmalige Verschärfung trat 2011 mit der eigentumsrechtlichen Entflechtung in Kraft. Doch es besteht weiterhin die Möglichkeit für Unternehmen, Netzbetreiber im Rahmen einer Holding zu behalten – vorausgesetzt, das Netz wird mit einer eigenständigen Gesellschaft betrieben, deren Personal von der Holding unabhängig ist und eigene Investitionsentscheidungen treffen darf. So entstanden eine Reihe der heute existierenden Fernleitungsnetzbetreiber als unabhängige und eigenständige Netzbetreiber, sogenannte ITOs (Independent Transmission Operators).

Im Zuge der Umsetzung der ersten Europäischen Gasrichtlinie wurde 2002 der diskriminierungsfreie Netzzugang für Marktteilnehmer (Dritte) eingeführt. Demzufolge sind die Netzbetreiber dazu verpflichtet, ihr Netz allen Marktakteuren, zu gleichen Konditionen zur Verfügung zu stellen. Die Konditionen wurden zunächst im Rahmen von Verträgen zwischen den Branchenverbänden ausgehandelt („verhandelter Netzzugang“). Für die Kunden bedeutet die Marktöffnung eine freie Wahl der Gaslieferanten. Seit 2005 wacht die Bundesnetzagentur (BNetzA) als unabhängige Regulierungsbehörde über die Einhaltung der Zugangsregeln. Mit der Einführung der Verordnung über den Zugang zu den Gasversorgungsnetzen (GasNZV) und der Verordnung über die Entgelte für den Zugang zu den Gasversorgungsnetzen (GasNEV) galt und gilt in Deutschland das Modell des „regulierten Netzzugangs“.

Mittlerweile ist eine Vielzahl von Akteuren auf dem Gasmarkt aktiv und sorgt auf unterschiedlichen Wertschöpfungsstufen für Wettbewerb. Insgesamt agieren 16 Fernleitungsnetzbetreiber, etwa 700 Verteilernetz- sowie 25 Speicherbetreiber und zahlreiche Händler. Das Gasnetz stellt eine Art Plattform für das Marktgeschehen dar.  

Marktgebietszusammenlegung

Vor 2005 existierten in Deutschland über 20 Marktgebiete. Ein Marktgebiet ist ein Versorgungsgebiet von mehreren Fernleitungsnetzbetreibern und nachgelagerten Verteilernetzbetreibern. Marktgebiete sind vergleichbar mit Handelszonen (auch Bilanzierungszonen genannt). Sie vereinfachen den Handel mit Gas. Innerhalb eines Marktgebietes können Transportkunden flexibel Ein- und Ausspeiseverträge abschließen und die gebuchten Kapazitäten nutzen. Die Anzahl der Marktgebiete hat sich deutlich reduziert. Seit Oktober 2011 gibt es nur noch zwei Marktgebiete: NetConnect Germany (NCG) und GASPOOL.

Das heutige Marktgebiet GASPOOL (Nord- und Ostdeutschland) wird aufgespannt durch die Transportnetze der ONTRAS Gastransport GmbH, GASCADE Gastransport GmbH, Gastransport Nord GmbH, Gasunie Deutschland Transport Services GmbH, Nowega GmbH und Ferngas GmbH. In das Marktgebiet operativ mit eingebunden sind die Open Grid Europe GmbH, die Fluxys Deutschland GmbH, die Lubmin-Brandov Gastransport GmbH, die NEL Gastransport GmbH sowie die OPAL Gastransport GmbH & Co. KG.

Im heutigen Marktgebiet NCG (Süd- und Westdeutschland) kooperieren die Fernleitungsnetzbetreiber bayernets GmbH, Fluxys TENP GmbH, GRTgaz Deutschland GmbH, Open Grid Europe GmbH, terranets bw GmbH und Thyssengas GmbH. Insgesamt verbinden die beiden Marktgebiete also 16 Fernleitungsnetze mit rund 700 nachgelagerten Verteilnetzen. Den Betrieb der Marktgebiete leisten die Beteiligungsunternehmen GASPOOL Balancing Services GmbH und NetConnect Germany GmbH & Co. KG. Die beiden Marktgebietsverantwortlichen stimmen die Aktivitäten der Gasnetzbetreiber im jeweiligen Marktgebiet ab. Sie übernehmen im Auftrag der Fernleitungsnetzbetreiber schwerpunktmäßig den Betrieb des virtuellen Handelspunktes, das Bilanzkreismanagement sowie das Regelenergiemanagement.

Bis Oktober 2021 sollen auch die verbliebenen zwei Marktgebiete zusammengelegt werden, um den Wettbewerb weiter zu intensivieren und Deutschland zu einem der liquidesten Gashandelsplätze Europas zu machen. Gemeinsam mit den beiden Marktgebietsverantwortlichen arbeiten die deutschen Fernleitungsnetzbetreiber an der Ausgestaltung dieses neuen Marktgebietes. Der Fortschritt der Arbeiten kann auf der eigens dafür ins Leben gerufenen Webseite „Deutschland – Ein Marktgebiet“ nachverfolgt werden. 


Marktraumumstellung

Eine weitere Veränderung auf dem deutschen Gasmarkt findet seit drei Jahren mit der Marktraumumstellung von L- auf H-Gas statt. Damit wird dem Rückgang des L-Gas-Aufkommens („Low calorific gas“ mit niedrigem Brennwert) in Deutschland und den Niederlanden Rechnung getragen.

Der Wechsel auf H-Gas („High calorific gas“ mit hohem Brennwert) findet in Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt sowie Bremen statt. Der überwiegende Teil der Bundesrepublik wird bereits heute zuverlässig mit H-Gas versorgt. Die Gasumstellung der betroffenen Regionen auf H-Gas soll schrittweise bis zum Jahr 2030 erfolgen. Der Netzentwicklungsplan Gas  und der Umsetzungsbericht enthalten einen detaillierten Fahrplan für die Umstellung. Paragraf 19a des Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) sieht vor, dass die umstellungsbedingten Aufwendungen der Netzbetreiber bundesweit über eine Umlage auf alle Gasnetznutzer verteilt werden. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) steuert und überwacht diesen Vorgang.


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