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Gasmarkt mit "virtuellen Handelspunkten"

Das Geschäft konkurrierender Händler besteht darin, das Gas von den Gasimporteuren bzw. inländischen Produzenten zu kaufen und an die Verbraucher zu verkaufen. Um die verkauften Mengen an die Kunden liefern zu können, müssen sie bei den Netzbetreibern Transportkapazitäten buchen, genauer: Ein- und Ausspeisekapazitäten. Die Abwicklung des Gashandels erfolgt dabei über virtuelle Handelspunkte.

Mit der Liberalisierung verlagerte sich der Gashandel zunehmend vom physischen Transport von A nach B zu virtuellen Handelspunkten – „virtuell“ deshalb, weil dort physisch kein Gas entnommen bzw. übergeben wird, sondern nur eine entsprechende Menge rechnerisch – also „virtuell“. So übergibt beispielsweise ein Importeur eine Gasmenge X, die er an einem physischen Punkt ins Marktgebiet eingespeist hat, virtuell an einen Händler. Dieser übernimmt virtuell diese Gasmenge und bucht dafür physisch einen oder mehrere Ausspeisepunkte bei den entsprechenden Netzbetreibern. Alles was zwischen Ein- und Ausspeisung passiert, regeln die Netzbetreiber untereinander, der Transportkunde braucht sich darum nicht zu kümmern. Die beiden Marktgebietsverantwortlichen (MGV) NetConnect Germany und GASPOOL Balancing Services stellen den Gasnetzbetreibern und ihren Transportkunden jeweils einen solchen „virtuellen Handelspunkt“ zur Verfügung, auf dem Käufer und Verkäufer täglich ihre voraussichtlichen Handelsmengen für die nächsten Stunden, den nächsten Tag oder auch längerfristig anmelden.

Während früher Handel und Transport von Gas in der Hand jeweils eines Unternehmens lagen, agieren heute rechtlich und organisatorisch voneinander unabhängige Unternehmen in diesen Wertschöpfungsstufen. Heute können alle Händler diskriminierungsfrei auf die Gasinfrastruktur zugreifen, sofern sie die entsprechenden Transportkapazitäten erworben haben. Dieser komplexe Prozess wird für die Fernleitungsstufe über die online-Handelsplattform Prisma mit Sitz in Leipzig abgewickelt. Über Prisma handeln 36 europäische Gasnetzbetreiber mehr als 70 Prozent des in Europa benötigten Erdgases. Unterschieden wird dabei in Primär- und Sekundärkapazitäten. Beim Kauf von Primärkapazitäten erwerben Gashändler das Recht, eine bestimmte Menge Gas ins Netz einzuspeisen, das vom Käufer wieder entnommen, von Kunden verbraucht oder zum Zweck späterer Lieferungen in Gasspeicher eingelagert wird. Beim Handel mit Sekundärkapazitäten können Händler nicht genutzte Transportkapazitäten wieder verkaufen bzw. erwerben. So werden Kapazitätsengpässe beim Transport vermieden und der Wettbewerb im Gashandel weiter im Sinne der Endkunden intensiviert.

Die Abwicklung der Handelsgeschäfte läuft über so genannte Bilanzkreise, die Einspeisung und Entnahmen in Einklang bringen. Denn analog zum Strom wird bei Gas so getan, als passiere alles zeitgleich. Da jedoch der physische Transport von Gasmengen sehr viel mehr Zeit beansprucht, müssen bestimmte Mechanismen für den rechnerischen Ausgleich sorgen. So überprüft das Bilanzkreismanagement, das durch die MGV erfolgt, ob die Menge, die ein Transportkunde gekauft hat, mit der Menge übereinstimmt, die der Produzent ins Netz eingespeist hat. Die Informationen hierüber bekommt das Bilanzkreismanagement von den Fernleitungs- und Verteilnetzbetreibern. Zeigt ein Bilanzkreis einen Schiefstand, veranlasst das Bilanzkreismanagement einen Ausgleich. Zugleich wird auch die Bilanz des gesamten Marktgebiets überwacht und Schiefstände auch hier durch entsprechende Maßnahmen ausgeglichen. Damit stellen die Bilanzkreise die Verbindung zwischen virtueller und physischer Welt des Gashandels und der Energielieferung dar. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) als unabhängige Regulierungsbehörde überwacht den diskriminierungsfreien Netzzugang für alle Lieferanten und sichert somit den freien Wettbewerb im Handel.


(Dispatchingzentrale - betrieben durch Nowega GmbH)

Aktuell gibt es in Deutschland noch zwei verschiedene Marktgebiete (GASPOOL und NetConectGermany). Für deren Steuerung sind die beiden Marktgebietsverantwortlichen GASPOOL Balancing Services GmbH und NetConnect Germany GmbH & Co. KG. zuständig. Eine Novelle der Gasnetzzugangsverordnung aus dem Jahr 2017 sieht vor, die beiden Marktgebiete bis 2022 zu einem einzigen zusammenzulegen, um so die Vertragsabwicklung weiter zu vereinfachen und einen der liquidesten Gashandelsplätze in Europa zu schaffen. Die Marktgebietsverantwortlichen planen die Zusammenlegung der Marktgebiete zum 1. Oktober 2021 umzusetzen.

Preisbildung im Gashandel

Der Gaspreis ergibt sich am virtuellen Handelspunkt durch Angebot und Nachfrage. Darüber hinaus verhandeln die Lieferanten aber häufig noch direkt mit ihren Kunden, wobei auch weitere Konditionen wie Abnahmemenge und -flexibilität oder eine eventuelle Indexkopplung des Preises vereinbart werden. Sofern konstante Ein- und Verkaufsmengen fest definiert sind, können die Marktteilnehmer den Handel auch über Börsen oder Broker abwickeln. Benötigt man zusätzliche Gasmengen oder will man überschüssige Mengen (wieder) verkaufen, kann man dies über eine Energiebörse wie z. B. die EEX in Leipzig tun. Für den sehr kurzfristigen Handel, der Lieferungen bereits am nächsten Tag sicherstellen soll, steht der sogenannte Spotmarkt zur Verfügung. Der Terminmarkt ist hingegen für Lieferungen zu einem konkreten späteren Zeitpunkt bestimmt. Die aktuellen Marktpreise sind an der Börse jederzeit öffentlich einsehbar, wodurch eine große Transparenz hergestellt wird. Die Börsenpreise dienen daher häufig auch als Referenzgröße für die Preisvereinbarungen zwischen den Gaslieferanten und ihren Abnehmern.

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